Der Grenzübergang Erez zwischen Israel und Gaza ist für die meisten Menschen geschlossen. Weder Araber noch Israelis, weder Touristen noch Politiker dürfen diese Grenze ohne eine spezielle Erlaubnis überqueren. Der Gazastreifen ist militärisch abgeriegelt, umschlossen von einer hohen Mauer, bewacht von Soldaten, die regelmäßig auf diejenigen schießen, die sich in dem unklar definierten Sperrgebiet zu weit vorgewagt haben: Hirten, Schuttsammler, potentielle Terroristen.
Nur internationale Journalisten, Hilfsorganisationen und Personen mit einer speziellen Genehmigung können an diesem Grenzübergang in den Gazastreifen einreisen. Meine israelischen Kollegen und auch die arabischen Mitarbeiter, die in Jerusalem wohnen, welches von Israel als israelisches Staatsgebiet betrachtet wird, dürfen nicht in Gaza arbeiten.
Der Grenzübergang besteht aus einem Parkplatz in Israel, wo man sein Auto stehenlassen muss, einem überdimensionierten modernen Einreiseterminal mit viel zu vielen Sicherheitsschleusen für die wenigen Reisenden die durchwollen, einem langen vergitterten Korridor der durch das Niemandsland führt, in dem die Araber in Reichweite der israelischen Schusswaffen nach Baumaterial in den Trümmern vergangener Kriege suchen, und schliesslich einer kleinen Baracke in der die Pässe zum dritten mal überprüft werden, von der Hamas, und in der das Gepäck kontrolliert wird, auf verbotene Gegenstände, Waffen oder Alkohol oder was auch immer.

Mit dem Taxi geht es nach Gaza hinein, hier sieht es aus wie früher im Ostblock, vermüllt, dreckig, kaputt; der Krieg hat Spuren hinterlassen; es ist sehr arabisch, sehr islamisch, alle Frauen und Mädchen mit Kopftuch und langen Mänteln und viele Männer mit Vollbart. Der Verkehr ist dicht, typisch orientalisch, viele Straßenhändler, kaputte Autos und Eselgespanne. An den Tankstellen stehen die Leute Schlange, das ist das Auffälligste was hier an Wirtschaftsblockade erinnert. Sonst wirkt Gaza, als könnte man hier ohne weiteres einkaufen oder spazieren gehen. Aber wir sind ja zum arbeiten hier.

Unser Weg führt uns zu einem, der von der Hamas als Held gefeiert wird. Ein radikaler Funktionär der Al Qassam-Brigaden; er ist während der Unruhen in Ägypten aus dem Gefängnis geflohen und die Hamas gibt ihm ein Willkommensfest. Man serviert uns Kaffee und Hühnchen mit Reis. Es gibt keinen Ausweg. Ich habe kein Kopftuch und muss im Auto bleiben. Die Offiziellen geben tolle O-Töne, Israel muss verschwinden und die islamische Revolution in Ägypten sei zu begrüßen. Auf die Hamas ist Verlass. Die Chancen auf ein Stück steigen. Der Sohn vom Hamas-Helden sagt, wie auswendig gelernt, er möchte auch einmal ein Held werden.

Die Fahrt geht nach Süden, vorbei an Pferdekadavern, Baustellen, Autoschlangen vor Tankstellen – tolle Bilder von Dutzenden dunklen Händen die Kanister in einer Reihe aufstellen… theoretisch. Praktisch läuft die Nachrichtenmaschine, schnell, wie schätzen Sie die Lage ein, wird es morgen noch Benzin geben?
Es regnet, Interview mit einem zufällig abgefangenen Hamas-Funktionär. Das Team erregt Aufmerksamkeit, aber viele Passanten machen auch einen großen Bogen um uns und unseren Interviewpartner. Unsere Autorin ist diesmal kopftuchlos. Der wesentlich kleinere bärtige Offizielle lässt sich nichts anmerken, antwortet auf englisch und verschwindet anschliessend mit einer riesigen schwarzen Luxuslimousine im Verkehrschaos der Esel, schrottreifen Autos und Motorräder mit denen seine Landsleute unterwegs sind. Da war die Kamera schon aus.
Wir fahren in ein Café um uns mit einer Bloggerin zu treffen, sie ist nicht da. Unser Producer wütet ein bisschen herum und droht dass wir zur Strafe zu ihr nach Hause fahren wenn sie es wagt uns zu versetzen. Sie kommt doch noch, hat kein Kopftuch auf, sie war eine Freundin im Krankenhaus besuchen. Sie saß im Gefängnis wegen einer Solidaritätskundgebung für Ägypten. Unser Producer flüstert mir zu dass er sie unsympathisch findet weil sie versucht mit ihrer Geschichte berühmt zu werden. Er wird mir allmählich selber etwas unsympathisch. Er war früher begeistert beim Militär und erzählt sehr stolz von diesen vergangenen Zeiten. Jetzt ist er beim Fernsehen. In der Firma hier arbeiten ausschliesslich Männer. Die technische Ausstattung ist erbärmlich, doch sie machen das Beste draus. Der Kameramann, der nicht so glänzend englisch spricht, borgt sich meine Kamera und fotografiert Kinder die aus einer Tür herausgucken. Sie flüchten immer nach drinnen, aber auf ihre Neugier ist Verlass. Es sind drei oder vier.
Ihre Mutter bleibt im Haus und guckt nur durch den Türspalt. Sie ist nicht älter als ich. Vor ihrer Haustür filmen wir ausländischen Journalisten die dicken alten wichtigen Männer, die die Geschicke dieser Region fehlleiten.

Am Strand von Gaza liegen teure Hotels, in denen ich für ein paar Stunden vom Grübeln abgelenkt werde. Meeresluft streicht über die Terasse vor dem menschenleeren Hotelrestaurant, in dem das Frühstück serviert wird. Im Licht der Morgensonne stechen kleine Fischerboote in See; ich beginne zu fantasieren, dass das hier einmal ein Urlaubsgebiet werden könnte, mit Strandbars und Souvenirständen.


Am letzten Drehtag treffen wir eine Rap-Crew aus Gaza. Sie machen unfassbar gute Musik auf Arabisch. In diesem Land der begrenzten Möglichkeiten haben sie es geschafft, sehr anspruchsvolle und mitreißende Musikvideos zu produzieren. Sie haben es zudem geschafft, aus Gaza auszureisen, und auf Tour zu gehen in Europa. Ihre Lieder sind ein berührender Soundtrack zu diesem absurden Ort mit seiner verfahrenen politischen Lage, seinen Menschen, die von religiösen Fanatikern als Geiseln und von ihren Nachbarländern gefangen gehalten werden zwischen lauter geschlossenen Grenzen.
Wir stehen einen Tag später vor den vielen Sicherheitsschleusen des Einreiseterminals am Grenzübergang Erez, quetschen unser Gepäck durch Drehtüren, warten auf grüne Lampen, die angehen, folgen Lautsprecherstimmen zu Röhren, in denen wir gescannt werden, zu Türen die sich öffnen, zu einem Gepäckband, wo unsere ausgeräumten und durchsuchten Koffer, Equipment und Notebooks nach einer halben Stunde ankommen, und dann sind wir wieder in Israel.
